“Die Banken zocken ungerührt weiter”

Die Juso-Sprecher Hatsukano und Heimpel sprechen im FR-Interview über linke Politik – und wofür die Jungsozialisten überhaupt noch gebraucht werden, wenn junge Menschen sich bei Occupy und Piratenpartei engagieren.
Wofür werden die Jusos überhaupt noch gebraucht? Junge Menschen engagieren sich in Frankfurt bei der Occupy-Bewegung und in der Piratenpartei.
Hatsukano: Wir werden für offene, linke Politik gebraucht. Die Piraten sind da noch nicht so recht definierbar, Occupy schon eher. Wir Jusos wollen aber Politik machen, die ein breites Spektrum der Gesellschaft abdeckt. Wir wollen uns nicht auf ein Thema beschränken.
Wie erklären Sie sich, dass 5000 Leute zu einer Occupy-Kundgebung in Frankfurt kommen? Ist das nicht ein Misstrauensvotum gegen die etablierten Parteien, also auch gegen Sie?
Heimpel: Schwierige Frage, aber das kann man mit Sicherheit ein Stück weit unterschreiben. Die Leute fühlen sich von der etablierten Politik kaum noch vertreten. Das Leben ist schneller, individueller geworden. Es gibt eine Zersplitterung mit vielen Milieus, vielen Interessen. Monothematische Gruppen wie Occupy haben es da einfach. Aber sie lösen sich auch schnell wieder auf.

Hatsukano: Es geht gegen die unkontrollierbare Finanzwelt.
Das ist ja auch Ihr Thema, sind Sie schon mal bei einer Occupy-Demo gewesen?
Hatsukano: Ja.
Heimpel: Ja. Da ist auch unser Thema. Wir haben das schon 2006 beim Juso-Bundeskongress artikuliert. Da war übrigens Bundesfinanzminister Peer Steinbrück Gastredner und hat uns dann erklärt, warum die Finanztransaktionssteuer Humbug sei. Heute fordert dies selbst die CDU.
Glauben Sie, dass Occupy wieder verschwindet?
Heimpel: Das ist die Frage. Wie lange werden die Leute vor der EZB in der Kälte kampieren und sich ’ne Lungenentzündung holen, während bei den Banken ungerührt weitergezockt wird? Die politischen Rahmenbedingungen ändern sich ja nicht. Trotzdem ist Occupy richtig und wichtig. Da sind Leute dabei, die gehen zu keiner politischen Demonstration sonst.
Hatsukano: Occupy sehen wir nicht als Konkurrenz. Wir unterstützen die Bewegung. Solange sich in Sachen Regulierung nichts bewegt, sollte die Bewegung Bestand gaben.
Reden Sie miteinander?
Heimpel: Es gibt von Occupy Vorurteile gegenüber etablierten Organisationen wie dem DGB, den Sozialverbänden. Wir müssen aber eine Verknüpfung schaffen. Die ist noch nicht da. Schade.
Was sind das für Vorurteile?
Heimpel: Die glauben, dass Gewerkschaften und Parteien für diese Zustände in der Finanzwelt mitverantwortlich sind. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.
Wie wollen Sie an die Leute rankommen?
Heimpel: Durch Kommunikation. Wir gehen weiter als Occupy. Es nützt nichts, nur die bösen Bänker zu kritisieren, wenn wir Stiftungs-Universitäten haben, die diese Bänker ausbilden. Die Sache ist wesentlich tiefgründiger. Sie ist systemisch.
Die Finanzkrise wird auch den OB-Wahlkampf in Frankfurt überschatten. Wie gehen Sie damit um?
Heimpel: Das Ganze lässt sich nur politisch lösen. In Griechenland entsteht jetzt ein handfestes Demokratieproblem. Die Leute haben das Gefühl, überhaupt nichts mehr beeinflussen zu können. Daran kann ein Staatsgefüge zerbrechen. Diese Gefahr besteht in Frankfurt nicht, aber die Menschen fühlen sich hilflos.
Wie werden die Jusos sich in den OB-Wahlkampf einbringen?
Heimpel: Ich finde es erst mal schade, dass der Entscheidungsprozess über unsere OB-Kandidaten jetzt so verkürzt werden muss. Es sollte länger Zeit sein.
Wer ist ihr OB-Kandidat?
Heimpel: Es ist kein Geheimnis, dass wir Peter Feldmann bevorzugen.
Hatsukano: Wir haben aber noch keinen Beschluss als Verband, das ist also nur unsere private Meinung.
Was finden Sie gut an Feldmann?
Hatsukano: Er ist ein genuiner Kandidat der SPD. Er vertritt die Ziele, die wir als Jusos unterschreiben würden.
Welche sind das?
Heimpel: Zum Beispiel der Bau von bezahlbaren Wohnungen. Da hat sich Peter Feldmann einen Namen gemacht.
Heimpel: Es geht doch um das Politik-Konzept. Gegen einen Mann vom rechten Rand wie Boris Rhein bei der CDU muss man einen Linken setzen. Ein sozialpolitisches Gegengewicht. Boris Rhein steht für Klassenkampf von oben.
Hatsukano: Wir müssen die 60 Prozent der Menschen, die nicht zur Wahl gehen, wieder erreichen. Wir sind schon im Kommunalwahlkampf durch die Hochhausviertel gezogen und haben die Leute gezielt angesprochen. Das hat sich bei einzelnen Wahllokalen durch höhere Beteiligung ausgezahlt. Das machen wir jetzt wieder. Das ist uns wichtig.
Warum gibt es keine OB-Kandidatin der SPD? Funktionieren die männlichen Netzwerke?
Hatsukano: Ich erlebe das direkt nicht. Ich persönlich werde sehr gefördert. Ich kriege jede Chance, mich in der SPD einzubringen. Die SPD war offen für eine weibliche Kandidatur, aber es hat sich keine Frau gemeldet.
Was ist Ihre Vorstellung von Karriere in der SPD?
Hatsukano: Für mich ist die Frage: Was will ich bewegen? Ich möchte Gleichberechtigung an allen Fronten. Wir müssen als Partei Vorbild sein für den Rest der Gesellschaft. Gleichheit für Frauen, Migranten, Leute mit anderer sexueller Orientierung.
Heimpel: Ich möchte gerne aus gesellschaftlichen Mehrheiten politische Mehrheiten machen. Das hat bei der Kommunalwahl noch nicht geklappt. Aber da bleibe ich dran. Die Leute wollen zum Beispiel einen echten Mindestlohn.
Ihre Botschaft an die SPD?
Heimpel: Sie kann was von uns lernen.
Hatsukano: Bei uns gewinnt das bessere Argument.
Das Interview führte Claus-Jürgen Göpfert
Jusos in Frankfurt
Als Nachrücker gelangte der 23-jährige Heimpel als jüngster Stadtverordneter in die SPD-Fraktion im Römer. Er ist dort jugendpolitischer Sprecher. Die 25-jährige Hatsukano, die über einen britischen und einen japanischen Pass verfügt, ist angehende Politologin.
Im Club Voltaire an der Kleinen Hochstraße bieten die Jungsozialisten regelmäßig Veranstaltungen an. Im beginnenden OB-Wahlkampf vor der Wahl am 11. März 2012 werden die Jusos wieder gezielt durch Kneipen, Clubs und Diskotheken ziehen. Weitere Informationen unter www.jusos-frankfurt.de