Erklärung der Jusos Frankfurt zur Debatte um Thilo Sarrazin

Einmal mehr tun Politik und Medien so, als sei ein Thema zum ersten Mal entdeckt bzw. angesprochen worden, das bereits seit dem Ende der Ära Kohl zu Recht in der Debatte steht.
Dabei ist festzuhalten, dass diejenigen, die Thilo Sarrazin im Rahmen dieser Debatte auch nur in Teilen recht geben, letztlich auch dessen Behauptungen von vererbbarer Intelligenz und Tüchtigkeit unterstützen. Das einzig neuartige an Sarrazins Buch, ist die Wiederauferstehung der Rassentheorie kombiniert mit einem sozialdarwinistischen Gesellschaftsmodell. Ohne diese, im Nachkriegsdeutschland beispiellose Vermischung der längst widerlegten Rassentheorie mit einem aktuellen Problem, wäre diese Abhandlung eines von vielen wenig beachteten Büchern geworden und in einer Reihe mit vielen Studien und Papieren zu dem Thema gelandet.
Sarrazin argumentiert auf einem niedrigen Stammtischniveau und versucht bestehende Vorurteile mit teils erfunden Zahlen zu unterlegen. Dies hat in etwa einen vergleichbaren wissenschaftlichen Wert, wie wenn man behaupten würde, dass aufgrund der empirischen Befunde der beiden Weltkriege, „die Deutschen“ genetisch zu Faschismus und Krieg neigten (in vielen Ländern denkt man das an den Stammtischen übrigens tatsächlich).
Sarrazin tut so, als bestünde die Gefahr, dass die „Deutschen“ zu Fremden im eigenen Land würden. Tatsächlich aber, macht er durch sein Handeln schon jetzt, die ausländisch stämmigen Deutschen zu echten Fremden im eigenen Land. Er betreibt eine bewusste Spaltung unserer Gesellschaft in „Deutsche“ und „Nicht-Deutsche“ anhand von rassischen Kriterien. Folgt man dieser Definition, könnten Immigranten überhaupt keine Deutschen werden und Integration müsste von Natur aus als unmöglich angesehen werden. Mit dieser Geisteshaltung, demütigt Sarrazin alle Deutschen, die im Sinne von Freiheit, Gleichheit und Solidarität, also im Sinne des Grundgesetzes, in sozialem Frieden miteinander leben wollen.
Wer versucht Menschen anhand ihrer „Rasse“ in Kategorien zu unterteilen, wer mit erfundenen Zahlen Vorurteile und Ressentiments in der Gesellschaft schürt, wer davon redet, dass die mittlerweile abgewanderten italienischen Gastarbeiter „halt wussten wann sie zu gehen hatten“ , wer behauptet, dass Menschen in der Uckermark aus genetischen und ökonomischen Gründen Dümmer wären als Schwaben , der hat in der SPD nichts verloren.
Wir Jusos distanzieren uns von einem solchen Misanthropen. Für uns ist die SPD eine Partei der Vielfalt, die an die Möglichkeit der Politik zu gestalten und Aufstieg für alle zu ermöglichen glaubt.
Sarrazin hat der Diskriminierung Tür und Tor aufgestoßen. Wenn bestimmte Gruppen aus genetischen Gründen dümmer sein sollen als „autochthone“ Deutsche, dann ist der Punkt nicht weit, an dem Schwule, Lesben, Behinderte und andere Minderheiten als genetisch minderwertig eingestuft und aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden können.
Volkspartei zu sein heißt nicht, in den Inhalten beliebig zu sein, sondern um die kulturelle und politische Hegemonie mit anderen Parteien zu streiten. Eine Mitgliedschaft in der SPD ist nicht beliebig mit einer Mitgliedschaft in der NPD austauschbar. Wir müssen hier politisch und inhaltlich eine klare Grenze ziehen.
Mit seinen verqueren Thesen, negiert er die Möglichkeit der Politik, zu gestalten schwachen zu helfen.
Wer in der SPD sein will, muss die Werte unserer Partei – für die so viele Genossinnen und Genossen unter den Nazis ihr Leben lassen mussten – anerkennen und darf nicht offenkundig dagegen sprechen und handeln. Eine weitere Mitgliedschaft von Herrn Sarrazin in dieser Partei, wäre ein Schlag gegen das Andenken derjenigen sozialdemokratischen Antifaschisten, die den Nazis widerstanden haben und damit gegen eine wichtige Grundlage unserer Partei. Thilo Sarrazin hingegen, profiliert sich offenkundig mit Inhalten, gegen welche die SPD im Angesichte von Gefahr für Leib und Leben gekämpft hat.
Das Beispiel des hessischen Arztes, der in seiner Praxis im Zuge dieser Debatte einen Aushang angebracht hat, mit welchem er kinderreichen muslimischen Familien den Zugang zu medizinischer Versorgung verwehrt, zeigt, dass das Gift, das Herr Sarrazin in den Brunnen unserer Gesellschaft kippt, schleichend Verbreitung findet.
Die Debatte um Integration ist wichtig. Wir wollen sie aber explizit nicht im Zusammenhang mit Sarrazins Machwerk führen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass Sarrazins Rassenlehre irgendeinen Beitrag zu dieser Debatte leisten könnte.